Daß das Aeußere das Innere darstellend wiedergebe und das Antlitz das ganze Wesen des Menschen ausspreche und offenbare ist eine Voraussetzung, deren Apriorität, und mithin Sicherheit, sich kundgiebt in der, bei jeder Gelegenheit hervortretenden allgemeinen Begier, einen Menschen, der sich durch irgend etwas, im Guten oder Schlimmen, hervorgethan, oder auch ein außerordentliches Werk geliefert hat, zu sehn, oder, falls Dieses versagt bleibt, wenigstens von Andern zu erfahren, wie er aussieht; daher dann einerseits der Zudrang zu den Orten, wo man seine Anwesenheit vermuthet, und andrerseits die Bemühungen der Tageblätter, zumal der englischen, ihn minutiös und treffend zu beschreiben, bis bald darauf Maler und Kupferstecher ihn uns anschaulich darstellen und endlich Daguerre’s Erfindung, eben deswegen so hoch geschätzt, diesem Bedürfniß auf das Vollkommenste entspricht. Ebenfalls prüft, im gemeinen Leben, Jeder Jeden, der ihm vorkommt, physiognomisch und sucht, im Stillen, sein moralisches und intellektuelles Wesen aus seinen Gesichtszügen im voraus zu erkennen. Dem Allen nun könnte nicht so seyn, wenn, wie einige Thoren wähnen, das Aussehn des Menschen nichts zu bedeuten hätte, indem ja die Seele Eines und der Leib das Andere wäre, zu jener sich verhaltend, wie zu ihm selbst sein Rock.
Vielmehr ist jedes Menschengesicht eine Hieroglyphe, die sich allerdings entziffern läßt, ja, deren Alphabet wir fertig in uns tragen. Sogar sagt das Gesicht eines Menschen, in der Regel, mehr und Interessanteres, als sein Mund: denn es ist das Kompendium alles Dessen, was dieser je sagen wird; indem es das Monogramm alles Denkens und Trachtens dieses Menschen ist. Auch spricht der Mund nur Gedanken eines Menschen, das Gesicht einen Gedanken der Natur aus. Daher ist Jeder werth, daß man ihn aufmerksam betrachte; wenn auch nicht Jeder, daß man mit ihm rede. – Ist nun schon jedes Individuum, als ein einzelner Gedanke der Natur, betrachtungswürdig; so ist es im höchsten Grade die Schönheit: denn sie ist ein höherer, allgemeinerer Begriff der Natur: sie ist ihr Gedanke der Species. Darum fesselt sie so mächtig unsern Blick. Sie ist ein Grund- und Haupt-Gedanke der Natur; während das Individuum nur ein Nebengedanke, ein Korollarium, ist.
Allerdings aber ist die Entzifferung des Gesichts eine große und schwere Kunst. Ihre Prinzipien sind uns halb angeboren, halb aus der Erfahrung geschöpft und nie in abstracto zu erlernen. Die erste Bedingung dazu ist, daß man seinen Mann mit rein objektivem Blick auffasse; welches so leicht nicht ist. Sobald nämlich die leiseste Spur von Abneigung, oder Zuneigung, oder Furcht, oder Hoffnung, oder auch der Gedanke, welchen Eindruck wir selbst jetzt auf ihn machen, kurz, irgend etwas Subjektives sich einmischt, verwirrt und verfälscht sich die Hieroglyphe. Wie den Klang einer Sprache nur Der hört, welcher sie nicht versteht, weil sonst das Bezeichnete das Zeichen sogleich aus dem Bewußtseyn verdrängt; so sieht die Physiognomie eines Menschen nur Der, welcher ihm noch fremd ist, d. h. nicht durch öfteres Sehn, oder gar durch Sprechen mit ihm, sich an sein Gesicht gewöhnt hat. Demgemäß hat man den rein objektiven Eindruck eines Gesichts, und dadurch die Möglichkeit seiner Entzifferung, streng genommen, nur beim ersten Anblick. Wie Gerüche uns nur bei ihrem Eintritt affiziren und der Geschmack eines Weins eigentlich nur beim ersten Glase; so machen auch Gesichter ihren vollen Eindruck nur das erste Mal. Auf diesen soll man daher sorgfältig achten: man soll ihn sich merken, ja, bei persönlich uns wichtigen Menschen, ihn aufschreiben; wenn man nämlich seinem eigenen physiognomischen Gefühle trauen darf. Die nachherige Bekanntschaft, der Umgang, wird jenen Eindruck verwischen: aber die Folge wird ihn einst bestätigen.
Inzwischen wollen wir hier uns nicht verhehlen, daß jener erste Anblick meistens höchst unerfreulich ist: – allein wie wenig taugen auch die Meisten! – Mit Ausnahme der schönen, der gutmüthigen und der geistreichen Gesichter, – also höchst weniger und seltener, – wird, glaube ich, fein fühlenden Personen jedes neue Gesicht meistens eine dem Schreck verwandte Empfindung erregen, indem es, in neuer und überraschender Kombination, das Unerfreuliche darbietet. Wirklich ist es, in der Regel, ein trübsäliger Anblick (a sorry sight). Einzelne giebt es sogar, auf deren Gesicht eine so naive Gemeinheit und Niedrigkeit der Sinnesart, dazu so thierische Beschränktheit des Verstandes ausgeprägt ist, daß man sich wundert, wie sie nur mit einem solchen Gesichte noch ausgehn mögen und nicht lieber eine Maske tragen. Ja, es giebt Gesichter, durch deren bloßen Anblick man sich verunreinigt fühlt. Man kann es daher Solchen, denen ihre bevorzugte Lage es gestattet, nicht verdenken, wenn sie sich so zurückziehn und umgeben, daß sie der peinlichen Empfindung, »neue Gesichter zu sehn«, gänzlich entzogen bleiben. – Bei der metaphysischen Erklärung dieser Sache kommt zur Erwägung, daß die Individualität eines Jeden gerade Das ist, wovon er, durch seine Existenz selbst, zurückgebracht, korrigirt werden soll. Will man hingegen, mit der psychologischen Erklärung sich begnügen; so frage man sich, was für Physiognomien denn wohl zu erwarten stehn bei Denen, in deren Innerem, ein langes Leben hindurch, höchst selten etwas Anderes aufgestiegen ist, als kleinliche, niedrige, miserable Gedanken, und gemeine, eigennützige, neidische, schlechte und boshafte Wünsche. Jedes von Diesen hat, für die Dauer seiner Gegenwart, dem Gesichte seinen Ausdruck aufgesetzt: alle diese Spuren haben sich, durch die viele Wiederholung, mit der Zeit, tief eingefurcht und sind, wie man sagt, recht ausgefahren. Daher also sehn die meisten Menschen so aus, daß man beim ersten Anblick erschrickt und nur allmälig ihr Gesicht gewohnt wird, d. h. gegen dessen Eindruck sich so abstumpft, daß er nicht mehr wirkt.
Dies stimmt zu Dem, was oben gesagt worden, daß ein Gesicht nur das erste Mal seinen richtigen und vollen Eindruck macht. Um nämlich diesen rein objektiv und unverfälscht zu empfangen, müssen wir noch in keinerlei Beziehung zur Person stehn, ja, wo möglich, mit derselben noch nicht geredet haben. Schon jedes Gespräch nämlich befreundet einigermaaßen und führt einen gewissen rapport, eine wechselseitige, subjektive Beziehung ein, bei der die Objektivität der Auffassung sogleich leidet. Da zudem Jeder bemüht ist, sich Hochachtung oder Freundschaft zu erwerben; so wird auch der zu Beobachtende sogleich allerlei, ihm schon geläufige Verstellungskünste anwenden, wird, mit seinen Mienen, heucheln, schmeicheln, und dadurch uns so bestechen, daß wir bald nicht mehr sehn was doch der erste Blick uns deutlich gezeigt hatte. Danach heißt es dann, daß »die meisten Menschen bei näherer Bekanntschaft gewinnen«, sollte jedoch heißen »uns bethören«. Wenn nun aber späterhin die schlimmen Gelegenheiten sich einfinden, da erhält meistens das Urtheil des ersten Blicks seine Rechtfertigung und macht sie oft höhnend geltend. Ist hingegen die »nähere Bekanntschaft« sogleich eine feindsälige; so wird man ebenfalls nicht finden, daß durch sie die Leute gewönnen. Eine andere Ursache des angeblichen Gewinnens bei näherer Bekanntschaft ist, daß der Mensch, dessen erster Anblick uns vor ihm warnte, sobald wir mit ihm konversiren, nicht mehr bloß sein eigenes Wesen und Charakter zeigt, sondern auch seine Bildung, d. h. nicht bloß was er wirklich und von Natur ist, sondern auch was er sich vom Gemeingut der ganzen Menschheit angeeignet hat: dann wundern wir uns oft, einen solchen Minotaur so menschlich reden zu hören. Aber man komme nur von der »näheren Bekanntschaft« zur noch näheren: da wird bald »die Bestialität,« welche sein Gesicht verhieß, »sich gar herrlich offenbaren.« – Wer also mit physiognomischem Scharfblick begabt ist, hat die, aller näheren Bekanntschaft vorher gegangenen und daher unverfälschten Aussprüche desselben wohl zu beachten. Denn das Gesicht eines Menschen sagt gerade aus, was er ist; und täuscht es uns, so ist dies nicht seine, sondern unsre Schuld. Die Worte eines Menschen hingegen sagen bloß was er denkt, öfter nur was er gelernt hat, oder gar was er zu denken bloß vorgiebt. Dazu kommt noch, daß wenn wir mit ihm reden, ja, ihn nur zu Andern reden hören, wir von seiner eigentlichen Physiognomie abstrahiren, indem wir sie als das Substrat, das schlechthin Gegebene, bei Seite setzen und bloß auf das Pathognomische derselben, sein Mienenspiel beim Reden, achten: dieses aber richtet er so ein, daß er die gute Seite nach außen kehrt.
Wenn nun aber Sokrates zu einem Jünglinge, der ihm, damit er dessen Fähigkeiten prüfe, vorgestellt wurde, gesagt hat: »sprich, damit ich dich sehe«; so hatte er (angenommen, daß er unter dem Sehn nicht das bloße Hören verstand) zwar in sofern Recht, als erst beim Reden die Züge, besonders die Augen, des Menschen sich beleben und seine geistigen Mittel und Fähigkeiten dem Mienenspiel ihr Stämpel aufdrücken, wodurch wir alsdann den Grad und die Kapacität seiner Intelligenz vorläufig abzuschätzen im Stande sind; welches eben hier der Zweck des Sokrates war. Sonst aber ist dagegen geltend zu machen, erstlich, daß Dieses sich nicht auf die moralischen Eigenschaften des Menschen erstreckt, als welche tiefer liegen, und zweitens, daß was wir, beim Reden des Menschen, an der deutlicheren Entwickelung seiner Gesichtszüge durch sein Mienenspiel, objective gewinnen, wir wieder subjective verlieren, durch die persönliche Beziehung, in welche er zu uns sogleich tritt, und welche eine leise Fascination herbeiführt, die uns nicht unbefangen läßt; wie oben ausgeführt worden. Daher möchte, von diesem letzteren Gesichtspunkte aus, es richtiger seyn, zu sagen: »sprich nicht; damit ich dich sehe.«
Denn um die wahre Physiognomie eines Menschen rein und tief zu erfassen, muß man ihn beobachten, wann er allein und sich selbst überlassen dasitzt. Schon jede Gesellschaft und sein Gespräch mit einem Andern wirft einen fremden Reflex auf ihn, meistens zu seinem Vortheil, indem er durch die Aktion und Reaktion in Thätigkeit gesetzt und dadurch gehoben wird. Hingegen allein und sich selber überlassen, in der Brühe seiner eigenen Gedanken und Empfindungen schwimmend, – nur da ist er ganz und gar er selbst. Da kann ein tief eindringender physiognomischer Blick sein ganzes Wesen, im Allgemeinen, auf Ein Mal erfassen. Denn auf seinem Gesichte, an und für sich, ist der Grundton aller seiner Gedanken und Bestrebungen ausgeprägt, der arrêt irrévocable Dessen, was er zu seyn hat und als was er sich nur dann ganz empfindet, wann er allein ist.
Schon deshalb nun ist Physiognomik ein Hauptmittel zur Kenntniß der Menschen, weil die Physiognomie, im engern Sinne, das Einzige ist, wohin ihre Verstellungskünste nicht reichen; da im Bereiche dieser bloß das Pathognomische, das Mimische, liegt. Daher eben empfehle ich, Jeden dann aufzufassen, wann er allein, sich selber hingegeben ist, und ehe man mit ihm geredet hat; theils weil man nur dann das Physiognomische rein und unvermischt vor sich hat, indem im Gespräche sogleich das Pathognomische einfließt und er dann seine eingelernten Verstellungskünste anwendet; theils weil jedes, auch das flüchtigste, persönliche Verhältniß uns befangen macht und dadurch unser Urtheil subjektiv verunreinigt.
Noch habe ich zu bemerken, daß, auf dem physiognomischen Wege überhaupt, es viel leichter ist, die intellektuellen Fähigkeiten eines Menschen, als seinen moralischen Charakter, zu entdecken. Jene nämlich schlagen viel mehr nach außen. Sie haben ihren Ausdruck nicht nur am Gesicht und Mienenspiel, sondern auch am Gange, ja, an jeder Bewegung, so klein sie auch sei. Man könnte vielleicht einen Dummkopf, einen Narren und einen Mann von Geist schon von hinten unterscheiden. Den Dummkopf bezeichnet die bleierne Schwerfälligkeit aller Bewegungen; die Narrheit drückt ihr Stämpel jedem Gestus auf; das Gleiche thut Geist und Nachdenken. Darauf beruht die Bemerkung des Labruyère: il n’y a rien de si délié, de si simple, et de si imperceptible, où il n’y entrent des manières, qui nous décèlent: un sot ni n’entre, ni ne sort, ni ne s’assied, ni ne se lève, ni ne se tait, ni n’est sur ses jambes, comme un homme d’esprit. Hieraus erklärt sich, beiläufig gesagt, jener instinct sûr et prompt, den, nach Helvetius, die Alltagsköpfe haben, um die Leute von Geist zu erkennen und zu fliehen. Die Sache selbst aber beruht, wenigstens zum Theil, darauf, daß je größer und entwickelter das Gehirn und je dünner, im Verhältniß zu ihm, das Rückenmark und die Nerven sind, desto größer nicht nur die Intelligenz, sondern zugleich auch die Mobilität und Folgsamkeit aller Glieder ist; weil diese dann unmittelbarer und entschiedener vom Gehirn beherrscht werden, folglich Alles mehr an Einem Faden gezogen wird, wodurch in jeder Bewegung sich ihre Absicht genau ausprägt. Die ganze Sache ist aber Dem analog, ja hängt damit zusammen, daß, je höher ein Thier auf der Stufenleiter der Wesen steht, desto leichter es durch Verletzung einer einzigen Stelle getödtet werden kann. Man nehme z. B. die Batrachier: wie sie, in ihren Bewegungen, schwerfällig, träge und langsam sind, so sind sie auch unintelligent und dabei von äußerst zähem Leben; welches Alles sich daraus erklärt, daß sie, bei gar wenigem Gehirn, sehr dickes Rückenmark und Nerven haben. – Viel besser jedoch, als aus den Gesten und Bewegungen, sind die geistigen Eigenschaften aus dem Gesichte zu erkennen, aus der Gestalt und Größe der Stirn, der Anspannung und Beweglichkeit der Gesichtszüge und vor Allem aus dem Auge, – vom kleinen, trüben, mattblickenden Schweinsauge an, durch alle Zwischenstufen, bis zum strahlenden und blitzenden Auge des Genies hinauf. – Demnach ist die Anekdote durchaus glaublich, welche Squarzafichi, in seinem Leben Petrarka’s, dem diesem gleichzeitigen Joseph Brivius nacherzählt, daß nämlich einst, am Hofe der Visconti, als unter vielen Herren und Edelen auch Petrarka dastand, Galeazzo Visconti, seinem damals noch im Knabenalter stehenden Sohne, nachmaligem ersten Herzoge von Mailand, aufgab, unter den Anwesenden den weisesten herauszusuchen: der Knabe sah sie alle eine Weile an: dann aber ergriff er die Hand des Petrarka und führte ihn dem Vater zu, unter großer Bewunderung aller Anwesenden. Denn so deutlich drückt die Natur den Bevorzugten der Menschheit das Stämpel ihrer Würde auf, daß ein Kind es erkennt. Daher möchte ich meinen scharfsinnigen Landsleuten rathen, daß, wenn sie ein Mal wieder Belieben tragen, einen Alltagskopf, 30 Jahre lang, als großen Geist auszuposaunen, sie doch nicht eine solche Bierwirthsphysiognomie dazu wählen mögen, wie Hegel hatte, auf dessen Gesichte mit leserlichster Handschrift der Natur »Alltagsmensch« stand.
Anders nun aber, als mit dem Intellektuellen, verhält es sich mit dem Moralischen, dem Charakter des Menschen: dieser ist viel schwerer physiognomisch zu erkennen; weil er, als ein Metaphysisches, ungleich tiefer liegt und mit der Korporisation, dem Organismus, zwar auch zusammenhängt, jedoch nicht so unmittelbar und nicht an einen bestimmten Theil und System desselben geknüpft ist, wie der Intellekt. Dazu kommt, daß während Jeder seinen Verstand, als mit welchem er durchgängig sehr zufrieden ist, offen zur Schau trägt und bei jeder Gelegenheit ihn zu zeigen sich bemüht, das Moralische selten ganz frei an den Tag gelegt, ja meistens absichtlich versteckt wird; worin dann die lange Uebung große Meisterschaft verleiht. Inzwischen drücken, wie oben ausgeführt, die schlechten Gedanken und nichtswürdigen Bestrebungen allmälig dem Gesichte ihre Spuren ein, zumal dem Auge. Dennoch steht es so, daß wir, physiognomisch urtheilend, uns leicht für einen Menschen dahin verbürgen können, daß er nie ein unsterbliches Werk hervorbringen; aber nicht wohl, daß er nie ein großes Verbrechen begehn werde.
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